Anwendungsbeispiel Planung eines Jugendtreffs

Die Qualitätskriterien und Reflexionsfragen können zur Beurteilung eines bestehenden Angebotes genutzt werden. Sie können aber auch zur Planung eines neuen Angebots hinzugezogen werden. Diese zweite Anwendung soll am Beispiel der Neuorientierung eines Jugendtreffs veranschaulicht werden. Ziel ist es, dass sich das Konzept des neuen Jugend­treffs an den Qualitätskriterien für Gesundheitsförderung orientiert und diese so gut wie möglich berücksichtigt sind. Dazu werden die sechs Dimensionen nacheinander durch­gegangen und die Reflexionsfragen (hier exemplarisch) beantwortet.  

 

Treffarbeit: Dimension „Ziele“

Gemäss den Kriterien dieser Dimension soll der neue Jugendtreff die Gesundheit der Jugendlichen durch Stärkung von Schutzfaktoren und Verminderung von Risikofaktoren fördern. Dabei sollen sowohl psychische, soziale, körperliche wie auch materielle Aspekte berücksichtigt werden. Die Reflexionsfragen helfen nun, dies zu konkretisieren. Im vorliegenden Fall zeigt sich rasch, dass die Situation sehr komplex ist. Die Meinungen über den Zweck des Jugendtreffs gehen weit auseinander, die gesundheitsbezogenen Probleme und der Handlungsbedarf sind sehr vielfältig. Die Auflistung der wichtigsten Probleme bzw. des Handlungsbedarfs sowie der Risiko- und Schutzfaktoren im Team hilft, klarer zu sehen. Es werden folgende prioritären Probleme, Schutz- und Risikofaktoren identifiziert:

Es geht in diesem Beispiel im weitesten Sinne um Probleme im Bereich „sozialer Integration“. Von Behördenseite steht die Gefährdung von Ruhe und Ordnung im öffentlichen Bereich, insbesondere Nachtruhestörung und Vandalismus im Vordergrund. Aus gesundheitlicher Sicht sind früher und übermässiger Alkohol- und Cannabiskonsum wichtige Themen. Immer weniger Jugendliche engagieren sich in den Vereinen, alternative Freizeit­angebote gibt es kaum. Gleichzeitig hat der Anteil von Jugendlichen zugenommen, welche Schwierigkeiten haben, schulisch oder beruflich befriedigende Anschlusslösungen an die obligatorische Schulzeit zu finden. Von Seite Lehrpersonen her wird beklagt, dass es immer mehr SchülerInnen gibt, die Mühe haben, sich an die Regeln der Schule und des Unterrichtes zu halten, soziale Auffälligkeiten seien in den letzte Jahren häufiger und extremer geworden. 

Als Risikofaktoren werden gesehen: Bildungsbenachteiligung, Perspektivenlosigkeit, sozialer Ausschluss, einfacher Zugang zu Alkohol und Cannabis, gleichgültige Haltung und fehlende Unterstützung durch die Eltern.

Folgende soziale Schutzfaktoren werden als prioritär erachtet: Befriedigende Schul- oder Ausbilungssituation, tragende soziale Netze und feste emotionale Bezugspersonen, Unterstützung im Alltag sowie eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Auf individueller Ebene stehen Beziehungs- und Konfliktfähigkeit, Zuversicht und Selbstwirksamkeit, selbständige Urteilsbildung sowie ein breites Problemlösungsrepertoire im Vordergrund. 

Für die Zielformulierung des Jugendtreffs werden die Schutzfaktoren „Befriedigende Schul- und Ausbildungssituation“, „sinnvolle Freizeitgestaltung“ sowie „tragende soziale Netze“ in den Vordergrund gestellt, da sie als Schlüsselfaktoren mit grossem Einfluss auf die obengenannten Probleme eingeschätzt werden. Als wichtiger, viele Probleme begleitender Risikofaktor wird die gleichgültige bzw. die oft allzu tolerierende Haltung der Eltern gegenüber problematischem Verhalten der Kinder und Jugendlichen identifiziert – die Sensibilisierung der Eltern soll zentrale Bedeutung im Konzept des Treffs erhalten.

Mögliche Konflikte erwachsen aus den unterschiedlichen Interessen der Gemeindebehörden und Jugendarbeitenden: es ist eine grosse Herausforderung, Argumente der Ruhe und Ordnung, sozialpädagogische Aspekte und gesundheitliche Anliegen gleichermassen zu berücksichtigen und dabei ein Angebot zu konzipieren, welches den anvisierten Jugendlichen auch noch attraktiv erscheint. Der neue Jugendtreff soll die Jugendlichen nicht primär „von der Strasse holen“, sondern ihnen neue Perspektiven sozialer, freizeitbezogener und beruflicher Art eröffnen.

 

Treffarbeit: Dimension „Interventionsebenen“

Der neue Jugendtreff wird als Anker in der Gemeinde und als Ausgangspunkt für vielfältige Gemeinwesenarbeit gesehen. Eine gute Vernetzung mit den Schulen – insbesondere auch hinsichtlich Elternarbeit – und mit den Suchtfachstellen, den Jugend- und Berufsberatungsstellen der Region wird angestrebt, um deren Ressourcen gezielt nutzen zu können.

Im Freizeit- und Sozialbereich wird soziale Gruppenarbeit im Vordergrund stehen. Ausgangspunkt dabei sind die Freizeitbedürfnisse der betroffenen Jugendlichen – es wird versucht, den Jugendlichen weitgehende Gestaltungsmöglichkeiten zu geben und ihnen entsprechende Verantwortung zu übertragen. Dabei gilt es vorgängig von Seiten Jugendarbeit, klare Rahmenbedingungen zu definieren, damit nicht falsche Hoffnungen geweckt werden und Frustrationen resultieren.

Im Schul- und Bildungsbereich soll primär individuell gearbeitet werden – dort allerdings unter Beizug der entsprechenden Fachstellen. Mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit soll auf die vorherrschenden Problematiken aufmerksam und für eine unterstützende Rolle der Eltern sensibilisiert werden.

 

Treffarbeit: Dimension „Zielgruppen“

Das neu zu schaffende Angebot wird sich vor allem an gesellschaftlich benachteiligte Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren richten, welche sozial schlecht integriert sind, sich in ihrer Freizeit  weniger in festen Angeboten bewegen und über geringere Bildungs- und Berufschancen verfügen. Unter dieser Gruppe von Jugendlichen sind solche mit Migrationshintergrund besonders stark vertreten. Ein besonderes Augenmerk soll darauf gerichtet werden, dass auch weibliche Jugendliche den Treff nutzen, da diese von einem grossen Teil der beschriebenen Problematiken und Risikofaktoren zwar in ähnlichem Ausmass betroffen, in vergleichbaren Angeboten aber häufig untervertreten sind.

Es bietet sich an, die potenziellen Zielgruppen in Bezug auf Ressourcen und Interventionsbedarf weiter zu unterschieden. Es gibt z.B. eine Gruppe schulisch bzw. beruflich recht gut integrierter Jugendlicher, welche aber dadurch auffällt, dass sie ihre Freizeit grossteils im öffentlichen Raum verbringt. Es gibt des Weiteren eine Gruppe männlicher Jugendlicher, die sich zum Hip Hop bekennen und „Gang“-artig auftreten. Diese sind eher von schulischen Schwierigkeiten und problematischem Verhalten betroffen, verfügen im Gegenzug aber über Kompetenzen und über viel Energie im Bereich Musik und Tanz, was als Ressource genutzt werden kann. Die potenzielle Zielgruppe der gesellschaftlich benachteiligten Mädchen ist weniger sicht- und als Gruppe erkennbar. Dies auch deshalb, weil bestimmte Gruppen ausländischer Mädchen oft abends nicht in gleichem Masse wie Jungen ausgehen dürfen. Es wird eine Herausforderung sein, diese Mädchen mit dem Angebot zu erreichen. Es soll regelmässig geprüft werden, inwiefern die Angebote und Massnahmen tatsächlich den im Konzept beschriebenen Zielgruppen entsprechen.

 

Treffarbeit: Dimension „Methodik“

Im Leitbild des neuen Jugendtreffs sollen die beiden Prinzipien „Partizipation“ und „Empowerment“ fest verankert werden. Damit dies nicht blosse Schlagworte bleiben, sollen gezielt entsprechende Arbeitsmethoden gewählt werden. Die Jugendlichen werden von Beginn weg in die Konzeption des neuen Jugendtreffs mit einbezogen. Gleichzeitig wird versucht, Arbeitsgruppen unter Mitwirkung von Gruppen von Jugendlichen aufzubauen, welche nicht nur in der Vorphase, sondern auch in der späteren Betriebsphase Verantwortung übernehmen. Die Jugendlichen sollen nicht lediglich nach ihrer Meinung zu bestimmten Aspekten gefragt werden, sondern erhalten Mitbestimmungsrechte innerhalb eines klar definierten Rahmens. Der Grad der Partizipation hängt gleichzeitig aber auch von den Fähigkeiten und Möglichkeiten der Jugendlichen ab. 

In der Planungsphase des Jugendtreffs wird darauf geachtet, dass nicht nur Probleme, sondern auch Ressourcen (individuell, Gruppe, Kontext) analysiert und dokumentiert werden. Auf allen Interventionsebenen soll dann konsequent auf diesen Ressourcen aufgebaut werden: im Bereich Individualhilfe soll auf ressourcen- und lösungsorientierte Beratungs- und Coachingmethoden gesetzt werden. Die Organisation von Freizeitveranstaltungen sowie Teile des Betriebsablaufes sollen weitgehend an Jugendliche delegiert werden.  Im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit gibt es diesbezüglich ein Dilemma: auf der einen Seite soll ressourcenorientiert kommuniziert werden, andererseits sollen die Eltern in Bezug auf problematisches Verhalten sensibilisiert werden. Ein möglicher Umgang damit wäre, bei der Thematisierung problematischen Verhaltens das Potenzial der elterlichen Unterstützung in den Vordergrund zu stellen (als Ressource) anstatt nur auf die Probleme zu fokussieren.

 

Treffarbeit: Dimension „Werte“

Um die Qualitätskriterien der Wertedimension möglichst zu erfüllen, sollen im Leitbild die zentralen Werte, welche die Arbeit im Jugendtreff leiten sollen, genannt werden. Zu jedem Wert soll die „Arbeitsgruppe Jugendtreff“ Statements formulieren, welche von den Jugendarbeitenden, von der Kerngruppe der Jugendlichen, den Gemeindebehörden sowie von der Elternvertretung mitgetragen werden. Dazu führt die Arbeitsgruppe eine Reihe Gespräche mit verschiedenen VertreterInnen dieser Gruppen, stellt die Ergebnisse zusammen und präsentiert diese an einem Planungsworkshop. An diesem Workshop werden die Ergebnisse diskutiert, eine Liste mit den wichtigsten Werten zusammengestellt und Stichworte zu den Statements gesammelt. Es ist Aufgabe der Jugendarbeitenden, die Werte und Prinzipien der Gesundheitsförderung in diese Diskussion einzubringen. Bei Wertekonflikten wird versucht, die verschiedenen Sichtweisen zu berücksichtigen, Kompromisse zu suchen und  vorsichtig in die Statements einzuarbeiten. Stehen sich z.B. die Werte „Autonomie“ und „Gehorsam“ gegenüber, so könnte ein Statement lauten: „Die Selbständigkeit der Jugendlichen wird gefördert. Sie werden darin unterstützt, ihre eigenen Bedürfnisse wahr zu nehmen und selbstverantwortlich zu handeln. Sie erhalten die Möglichkeit, das Leben im Jugendtreff nach ihren Bedürfnissen mit zu gestalten. Verantwortlich Handeln schliesst aber auch mit ein, die Regeln der Gemeinschaft und des Jugendtreffs zu respektieren.“

Die Angebote und Aktivitäten des Jugendtreffs sollen, wenn der Jugendtreff seinen Betrieb aufgenommen hat, vom Team und den Jugendlichen gemeinsam und regelmässig auf die im Leitbild ausformulierten Werte hin überprüft werden.

 

Treffarbeit: Dimension „Rahmenbedingungen“

Herausforderungen, wie sie anhand dieses Beispiels dargestellt werden, können Jugend­arbeitende doppelt belasten, wenn die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit oder ihrer Stelle nicht stimmen. Für eine ‚gesunde’ Auseinandersetzung mit derartigen Schwierigkeiten sind deshalb folgende Aspekte wichtig:

  1. Klarer Auftrag: Die Jugendarbeit ist zwar eine selbständige Dienststelle innerhalb der Stadt- / Gemeindeverwaltung. Für die Arbeit in den Jugendtreffs besteht aber ein eigenständiges Leitbild sowie ein Konzept, welches Auftrag und Organisationspapier umfasst. Das Leitbild nennt Gesundheitsförderung als grundsätzliches Ziel. Zudem findet regelmässig ein Austausch mit den zuständigen Behörden über den Auftrag und dessen Umsetzung statt.

  2. Personelle Ressourcen: Im vorliegenden Beispiel sind 140 Stellenprozente für die Führung des Jugendtreffs geplant, welche auf 2 Stellen zu max. 80% verteilt sein sollen. Damit scheinen vorerst ausreichende personelle Ressourcen zur Verfügung zu stehen, um die beschriebenen Thematiken mit den verschiedenen Zielgruppen zu bearbeiten. Es wird verlangt, dass mindestens eine der anzustellenden Mitarbeitenden über eine abgeschlossene Ausbildung und mindestens 3 Jahre Berufserfahrung in der Jugendarbeit verfügt, die zweite Person sollte ebenfalls über mehrjährige Berufserfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen verfügen und zumindest in Ausbildung im Bereich Jugendarbeit oder Sozialarbeit/Sozialpädagogik sein. Der Einsatz von Studierenden von Fachhochschulen als PraktikantInnen im Treff soll geprüft werden.

  3. MitarbeiterInnenpflege: Die Besoldung und die Möglichkeit an Weiterbildungen teilzunehmen, sind im Reglement der Stadt- / Gemeindeverwaltung geregelt. Die Leitung engagiert sich für die Kontinuität im Treff, indem sie die Mitarbeitenden individuell fördert (Spezialisierung) und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Die Jugendtreff­mitarbeitenden erhalten die Möglichkeit, vier Mal pro Jahr eine Stunde Praxisberatung in Anspruch zu nehmen.

Teambildung: In wöchentlich stattfindenden Mitarbeitendensitzungen sowie an einer ganztägigen Mitarbeitendenretraite, welche einmal pro Jahr durchgeführt wird, soll die Möglichkeit gegeben werden, dass sich die Mitarbeitenden als „Team“ konstituieren und weiter entwickeln sowie sich mit ihrer Rolle auseinander setzen können. Die Mitarbeitenden haben damit die Möglichkeit, sich regelmässig Zeit zu nehmen, um die laufenden Entwicklungen miteinander zu besprechen und ihre Massnahmen zu koordinieren.