Anwendungsbeispiel Aufsuchende Jugendarbeit

Im folgenden Beispiel zur aufsuchenden Jugendarbeit werden die Qualitätskriterien dazu verwendet, das Vorgehen in Bezug auf die vorliegende Problemstellung zu strukturieren und die voraussichtliche gesundheitsfördernde Qualität abzuschätzen.

 

Ausgangslage:

Im Dorf wird wiederholt über Jugendliche reklamiert, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, und auch von Seiten Behörden wird ein Bedürfnis nach sogenannter „Brennpunktarbeit“ geäussert. Dabei werden insbesondere das junge Alter der Jugendlichen, Lärm und Vandalismus, Gewalt, Alkoholkonsum und Littering als problematisch erachtet.

Die offene Jugendarbeit startet eine „Brennpunktanalyse. Dafür werden erwachsene AnwohnerInnen der herauskristallisierten Brennpunkte sowie Personen interviewt, die beruflich mit diesen Brennpunkten zu tun haben (Hauswarte, Polizei, Gemeinderat usw.). Neben den störenden Aspekten und den konkreten Vorfällen werden auch bereits erprobte Lösungsmöglichkeiten sowie neue Ideen zur Lösung des Problems erfragt. Parallel dazu sucht die Jugendarbeit an Samstagabenden die Brennpunkte auf und füllt einen Beobachtungsbogen aus. Dort werden Informationen über Ort, Zeit, Anzahl und Alter der Jugendlichen, Verhalten, Konsummuster usw. festgehalten. Ausserdem suchen die Jugendarbeitenden bei diesen Gelegenheiten das Gespräch mit den Jugendlichen, die sich auf den öffentlichen Plätzen aufhalten.

Aufgrund der beschriebenen Ausgangslage wählen die Jugendarbeitenden aus dem gesamten Fragenkatalog der Qualitätskriterien die für den vorliegenden Fall wichtigen Fragestellungen zu den einzelnen Dimensionen aus. Die Antworten auf die Fragestellungen geben ihnen wichtige Hinweise für das weitere Vorgehen.

Untenstehend werden die Fragestellungen beispielhaft angewendet.

 

Aufsuchende Jugendarbeit: Dimension „Ziele“

Aktuelle/potenzielle gesundheitsrelevante Probleme und wer sie definiert:

Die Brennpunktanalyse ergab, dass sich die erwachsenen DorfbewohnerInnen und die Behörden sowohl Sorgen um die Gesundheit der Jugendlichen als auch um die Ruhe und Ordnung im öffentlichen Raum machen.

Risiko- und Schutzfaktoren und Bedürfnisse der Jugendlichen:

Als Risikofaktor identifiziert die offene Jugendarbeit insbesondere die negative Vorbildwirkung innerhalb der Peergruppen. Vor allem jüngere Jugendliche, welche ihren älteren KollegInnen nacheifern, können in Gruppendrucksituationen geraten. Dies kann sich negativ  kann auf ihren Suchtmittelkonsum oder anderen Verhaltensweisen wie z.B. Vandalismus auswirken. Die Peergruppe ist aber nicht nur Risiko- sondern auch Schutzfaktor – dann nämlich, wenn sich Jugendliche dort vernetzen können und ein Zusammengehörigkeitsgefühl erleben. Ein Ziel der offenen Jugendarbeit könnte also sein, die positiven Aspekte der Gruppendynamik zu stärken.

Weitere Risikofaktoren sind der Mangel an alternativen Freizeitangeboten, der einfache Zugang zu Alkohol und anderen Suchtmitteln sowie dunkle, abgeschiedene Ecken. Umgekehrt gehört auf struktureller Ebene die soziale Kontrolle im öffentlichen Raum zu den Schutzfaktoren, auf individueller Ebene das Übernehmen von Verantwortung und das Erleben von Bestätigung. Hier kann die Jugendarbeit allenfalls ansetzen, indem sie eine verantwortungsbewusste Teilhabe der Jugendlichen am öffentlichen Raum fördert.

Sowohl ein Risiko- als auch ein Schutzfaktor können Reaktionen des sozialen Umfelds sein. Reagiert dieses mit Zivilcourage, passen die Jugendlichen ihr Verhalten eventuell an. Reagiert das Umfeld gar nicht, wird dies unter Umständen als Toleranz interpretiert, ist die Reaktion übertrieben, kann dies zu Provokationen führen. Ein wichtiges Ziel ist in diesem Zusammenhang also auch die Sensibilisierung des sozialen Systems.

Haltung des Jugendarbeitsteams:

Die Jugendarbeit im Dorf ist noch sehr neu. Rechte und Pflichten Jugendlicher im öffentlichen Raum wurden bislang noch kaum kommuniziert. Ein erstes Ziel der offenen Jugendarbeit muss es also sein, eine sorgfältige Bestandesaufnahme zu machen, damit gewisse, teilweise als problematisch wahrgenommene Gruppierungen nicht im Voraus und zu Unrecht verurteilt werden.

 

Aufsuchende Jugendarbeit: Dimension „Interventionsebenen“

Kombination der Interventionsebenen, Bestimmung der Ressourcen:

Im vorliegenden Beispiel scheint der Einbezug der Gemeinde (AnwohnerInnen, bestimmte Berufsgruppen, Behörden) besonders wichtig. Die offene Jugendarbeit muss Personen und Personengruppen für ihre Anliegen gewinnen, um ihre Ziele bezüglich der Integration und Akzeptanz der Jugendlichen besser verfolgen und erreichen zu können. In den Gesprächen mit diesen Schlüsselpersonen sollen aber nicht nur deren Frustration, sondern auch positiven Erfahrungen angesprochen werden. Geglückte Interventionsmethoden können so bekannt gemacht und (re-)aktiviert werden.

Ziel der Gespräche mit den Jugendlichen (Individuen) ist, ihre individuellen Ressourcen zu identifizieren und ihren (positiven) Einfluss auf ihre Peergruppe zu stärken. Die Jugendlichen selbst sind die ExpertenInnen ihrer Situation und kennen das Setting am besten. Diese Ressource soll genutzt werden. Die beiden Ebenen der Gemeinde (soziales System) und der Jugendlichen (Individuum) werden gleich gewichtet, um beiderorts vermittelnd und schlichtend zu wirken.

In der materiellen Umwelt können mit vermehrt aufgestellten Abfalleimern und einer besseren Beleuchtung an neuralgischen Stellen relativ einfach Verbesserungen erzielt werden. Ergänzend können die „Nachtspaziergänge“ der Jugendarbeitenden im Dorf den Erwachsenen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Und sie führen dazu, dass die Jugendarbeit wahrgenommen wird. Umgekehrt könnten sich die Jugendlichen aber beobachtet fühlen, womit der Aufbau einer guten Beziehung zu ihnen erschwert wird.

 

Aufsuchende Jugendarbeit: Dimension „Zielgruppen“

Beschreibung der Zielgruppen mit besonderem Handlungsbedarf:

Handlungsbedarf besteht insbesondere bei zwei Gruppen von Jugendlichen: bei sehr jungen, noch schulpflichtigen Jugendlichen, die durch den negativen Einfluss älterer Jugendlicher erhöhten (gesundheitlichen) Risiken ausgesetzt sind. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Jugendliche, die beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, gesteigerten Suchtmittelkonsum und/oder Delinquenz in mehrfacher Hinsicht bereits ein riskantes und/oder auffälliges Verhalten zeigen.

Als dritte Zielgruppen dürfen die Erwachsenen (Anwohner, Behörden, bestimmte Berufsgruppen) nicht ausser Acht gelassen werden. Diese müssen laufend über die geplanten Handlungsschritte der Jugendarbeit sowie die angestrebten Wirkungen informiert werden, damit sie bereit sind, mit den Jugendarbeitenden zu kooperieren.

Erreichbarkeit der Zielgruppen:

Bei beiden Gruppen zeigt sich die Schwierigkeit der Erreichbarkeit: Einige Jugendliche formulieren konkret, dass sie nicht gestört werden möchten. Dazu ist die Kommunikation mit Jugendlichen, die bereits unter Suchtmitteleinfluss stehen, erschwert.

 

Aufsuchende Jugendarbeit: Dimension „Methodik“

Methodische Zugänge:

Zu Projektbeginn steht die Kommunikation mit den Zielgruppen im Vordergrund: Schlüsselpersonen werden angehört, ernst genommen und zur konstruktiven Zusammenarbeit ermuntert. Jugendliche werden an ihren Treffpunkten aufgesucht und aktiv aufgefordert, ihre Wünsche und Ideen ans Zusammenleben zu formulieren. Sie werden ermutigt, die Kanäle und Möglichkeiten der offenen Jugendarbeit zu nutzen, und es wird ihnen klargemacht, dass die Partizipation am öffentlichen Raum immer auch die Übernahme von Verantwortung bedeutet.

Zur Kommunikation gehört in einem nächsten Schritt auch die Information der Behörde und der Bevölkerung über die Ergebnisse der Gespräche sowie über die Beobachtungen, welche die Jugendarbeitenden auf ihren Nachtspaziergängen gemacht haben. Dies soll das gegenseitige Verständnis erhöhen.

Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation:

Die Grenzen der Partizipation sind dort erreicht, wo Jugendliche in der Gesellschaft ihre Pflichten verweigern und Regeln oder Gesetze missachten. Durch den partizipativen Zugang nicht erreicht werden Jugendliche, die sich verweigern und sich nicht engagieren wollen.

 

Aufsuchende Jugendarbeit: Dimension „Werte“

Wertekonflikte zwischen Jugendlichen, Fachleuten, Auftraggebern und Umfeld:

Im Hinblick auf die Werte ergibt sich aufgrund verschiedener Ansichten bezüglich der Rechte und Pflichten Jugendlicher im öffentlichen Raum ein Konflikt: Jugendliche wollen in „ihrem“ Dorf leben, das Zusammenleben mitprägen und akzeptiert werden. Erwachsene haben primär den Wunsch, im öffentlichen Raum Ruhe und Sicherheit anzutreffen. Die Behörden schliesslich sind daran interessiert, dass das Bild gegen aussen stimmt. Die Bedürfnisse dieser drei Gruppen widersprechen sich mehrfach.

Für die Jugendarbeit ergibt sich daraus aber eine tolle Gelegenheit, einerseits mit den Jugendlichen, andererseits mit Erwachsenen über die unterschiedlichen Vorstellungen und Werte zu diskutieren. Den Jugendlichen kann so verständlich gemacht werden, dass alle Einwohner das Leben mitprägen wollen, und dass dies nur dann funktionieren kann, wenn die Bedürfnisse aller ernst genommen werden. Bei den Erwachsenen kann Verständnis für den gesellschaftlichen Wandel und die sich damit verändernden Werthaltungen geweckt werden. Gleichzeitig kann die offene Jugendarbeit dieser Zielgruppe deutlich machen, dass sie nicht die Funktion einer Hilfspolizei übernehmen kann, da dies die auf Vertrauen beruhende Arbeit mit den Jugendlichen erheblich erschweren würde.

 

Aufsuchende Jugendarbeit: Dimension „Rahmenbedingungen“

Einbettung der Jugendarbeit in der Gemeinde:

Die Jugendarbeit ist in der Gemeinde noch neu, die Akzeptanz ihr gegenüber ist noch nicht sehr hoch und Leitideen sowie Konzepte sind erst in den Köpfen vorhanden. Gerade in dieser schwierigen Aufbauphase braucht sie daher Rückhalt durch die Behörden sowie Gefässe und Möglichkeiten zur regelmässigen Kommunikation mit den Vorgesetzten.

Auftragsklärung:

Die Analyse der Brennpunkte kann hier unter anderem auch dazu dienen, die Aufgaben der Jugendarbeitenden zu definieren und sie von den Pflichten Anderer (z.B. der Polizei) abzugrenzen. Falschen Erwartungen, überhöhten Anforderungen oder gar Schuldzuweisungen kann so besser begegnet werden, was der Gesundheit der Jugendarbeitenden zuträglich ist.

Auftrag und zeitliche Ressourcen:

Um ein wirkungsvolles Projekt entwickeln und die bestehende Probleme effektiv angehen zu können, ist es zentral, einzelne Jugendliche oder Gruppen von Jugendlichen für die aktive Mitwirkung zu motivieren sowie ihre Ressourcen sichtbar zu machen und zu nutzen. Dies bedingt aber zusätzliche zeitliche Ressourcen der Jugendarbeitenden und damit ein Entgegenkommen von politischer Seite.