Praxisbeispiel Projektarbeit
Im folgenden Beispiel zur Projektarbeit werden die Qualitätskriterien dazu verwendet, die Qualität eines bereits durchgeführten Projekts zu beurteilen.
Ausgangslage:
Verschiedene Studien zeigen, dass das Thema „Stress“ bei den Jugendlichen sehr aktuell ist. In der Smash-Studie[1] geben 35% der Mädchen und 20% der Knaben an, deprimiert zu sein. 50% der befragten Mädchen und ein Drittel der befragten Knaben geben an, Hilfe im Umgang mit Stress zu benötigen. Aufgrund eigener Beobachtungen nahmen JugendarbeiterInnen, die im Rahmen des hier geschilderten Projekts befragt wurden an, dass viele Verhaltensweisen Jugendlicher auf eine Disharmonie auf psychischer Ebene zurückzuführen sind. Ein Beispiel für eine solche Verhaltensweise ist, wenn Jugendliche sich selber oder anderen Schaden zufügen.
Die Gemeinde entschied sich deshalb, ein Projekt zu lancieren. Der Bedarf und das Bedürfnis nach einem Projekt im Themenbereich „Stress“ war für sie gegeben, und sie ging davon aus, dass eine breite Masse Jugendlicher angesprochen werden kann.
Projektarbeit: Dimension „Ziele“
Die Projektziele wurden, ausgehend von Beobachtungen der Jugendarbeitenden sowie auf der Basis von Studienresultaten, aber ohne Einbezug Jugendlicher festgelegt. Das übergeordnete Ziel wurde bewusst allgemein gehalten und lautete: „Jugendliche können Stress wahrnehmen und wissen, was bei ihnen Stress auslöst“. Da das Thema aber auf vielen verschiedenen Ebenen angegangen werden sollte, wurden für die verschiedenen sozialen Systeme, in denen sich die Jugendlichen bewegen, spezifische Ziele formuliert. Aufgrund der Vielfalt der Ziele, wurde die Projektdauer auf drei Jahre festgesetzt.
Bewertung:
Die potenziellen Probleme der Jugendlichen wurden anhand von Studien belegt und von Professionellen definiert, von der Zielgruppe aber nicht verifiziert. Deshalb war unklar, welche aktuellen und potenziellen Probleme die Jugendlichen in der Gemeinde tatsächlich beeinträchtigen. Eine Analyse von Risiko- und Schutzfaktoren wurde nicht vorgenommen. Weil die Ziele ohne Einbezug der Zielgruppe festgelegt wurden, entsprachen sie nicht immer den Bedürfnissen der Jugendlichen. Die Projektziele sollten möglichst genau auf die Zielgruppe zugeschnitten sein, und allgemein gehaltene Ziele vermieden werden. Sie lassen sich nur schwer überprüfen und bergen die Gefahr, dass die getroffenen Massnahmen zu wenig aufeinander abgestimmt sind.
Bei einer Projektdauer von drei Jahren muss davon ausgegangen werden, dass sich die Zusammensetzung der Zielgruppe immer wieder verändert. Auch die Jugendarbeitenden oder weitere involvierte Professionelle können wechseln. Darunter darf ein Projekt nicht leiden. Deshalb muss der Informationsfluss und die Weiterführung des Projekts trotz dieser Bedingungen gewährleistet werden.
Projektarbeit: Dimension „Interventionsebenen“
Die Jugendarbeitenden entschieden sich, für dieses Projekt mit der Schule zusammenzuarbeiten, um die beiden Interventionsebenen ‚Individuum’ und ‚soziale Systeme’ verknüpfen und damit eine bessere Wirkung erzielen zu können. In einem zweiten Schritt strebte sie an, das soziale Umfeld der Jugendlichen in die Diskussion mit einzubeziehen.
Bewertung:
Die Zusammenarbeit mit der Schule bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich: Eine sehr hohe Anzahl Jugendlicher wird erreicht, die Lehrpersonen sind eine zusätzliche Quelle
sehr unterschiedlicher Ressourcen, die Vernetzung zu weiteren Organisationen (z.B. schulpsychiatrischer Dienst) besteht bereits, und das Projekt setzt in mehreren sozialen Systemen an.
Gewisse Aspekte der Projektgestaltung und -durchführung werden durch diese Zusammenarbeit aber auch erschwert: Das Projekt muss in ein bestehendes System integriert werden, und Massnahmen können infolge der fixen Jahresplanung oft nicht kurzfristig formuliert und umgesetzt werden. Damit die Ziele erreicht werden können, muss das Lehrpersonal für das Projekt gewonnen werden, und eine Mehrzahl mitarbeitender Professioneller zieht auch einen höheren Organisationsaufwand nach sich.
Die vorhandenen Ressourcen wurden im vorliegenden Projekt nur teilweise genutzt. Die Schule wurde zu sehr nur als Durchführungsort gesehen, und die Ressourcen des Systems der Schule sowie der LehrerInnenschaft wurden zu wenig als Potenzial erkannt.
Projektarbeit: Dimension „Zielgruppen“
Durch die Zusammenarbeit mit der Schule gehörten in diesem Projekt die meisten Jugendlichen der Gemeinde zum Zielpublikum. Da davon ausgegangen wurde, dass das Thema „Stress“ sehr viele Jugendliche betrifft, wurde die Zielgruppe nicht genauer spezifiziert oder eingegrenzt.
Bewertung:
Auch wenn ein Thema eine breite Masse der Jugendlichen betrifft, kann nicht einfach davon ausgegangen werden, dass sich alle Jugendlichen auch dafür interessieren. Zudem ist die Art und Weise bzw. der Grad der Betroffenheit bei den einzelnen Jugendlichen verschieden. Nicht alle Jugendlichen haben die gleichen Stresssymptome, und die Gründe für die Stressentstehung sind bei jedem anders. Eine klare Zieldefinition hilft hier, verschiedene Zielgruppe zu definieren und zielgruppenspezifische Massnahmen festzulegen.
Wird ein Projekt in einer Schule durchführt, ist die Zielgruppe sehr heterogen. Die verschiedenen Merkmale ‚Gender’, ‚soziale Lage’, ‚kulturelle Herkunft und Orientierung’ usw. müssen beachtet und in die Planung miteinbezogen werden. Auch herrschen in einer Schulklasse unterschiedliche Benachteiligungen in Bezug auf Gesundheit, Schutz- und Risikofaktoren. Dem könnte mit einer Unterteilung der Klasse Rechnung getragen werden.
Die Personen im sozialen Umfeld der Jugendlichen (Eltern, Lehrpersonen, SporttrainerInnen, Platzwarte usw.) wurden bei der Definition der Zielgruppen ganz ausser Acht gelassen, obwohl sie in der zweiten Projektphase eine wichtige Rolle gespielt hätten. Da das Projekt vorzeitig abgebrochen wurde, erwies sich dies aber auch später nicht mehr als notwendig.
Projektarbeit: Dimension „Methodik“
In einem ersten Schritt stand die Reflexion des eigenen Stress-Erlebens im Zentrum: Die Jugendlichen bekamen die Aufgabe, Fotos zu schiessen in Situationen, in denen sie entweder Stress empfinden oder in denen sie sich wohl fühlen. Alle Teilnehmenden erhielten dafür eine Wegwerf-Kamera. Die Handlungsanweisungen wurden von den Jugendarbeitenden mündlich an die Jugendlichen weitergegeben. In der zweiten Phase stand die Kommunikation dieses Stress-Erlebens im Vordergrund: Aus den Fotos wurde eine Ausstellung konzipiert, welche die Gefühlslagen der Jugendlichen aufzeigte. Dafür wurde die Zusammenarbeit mit einem Grafikbüro angestrebt.
Bewertung:
Die Handlungsanweisungen wurden sehr genau an die Jugendlichen weitergegeben. Weil die Jugendlichen aber nichts Schriftliches hatten und keine ausführliche Diskussion über das Thema und die Methodik geführt wurde, wussten sie die Zielformulierungen bald nicht mehr. Deshalb knipsten sie einfach darauf los, ohne sich über die Inhalte der Bilder Gedanken zu machen. Eine Kommunikation über und der Einbezug der Jugendlichen in die
Festlegung der Methodik wäre wichtig gewesen. Sollen Jugendlichen in dieser Form selber aktiv werden, ist es wichtig, ein Kommunikations- oder Dokumentationsmittel zu finden, das ihnen entspricht. Vielleicht sind einige besser im Filme drehen, Zeichnen oder im Texte schreiben als im Fotos machen.
Das Thema „Stress“ ist zudem sehr individuell. Dadurch wurde von den Jugendlichen implizit erwartet, sehr persönliche Fotos zu machen. Möglicherweise bestanden bei den Jugendlichen diesbezüglich Hemmungen. Um dem zu entgehen, wären andere Medien vielleicht besser geeignet gewesen. Zudem hätten Hemmungen und Ängste sowie deren Überwindung thematisiert und diskutiert werden müssen. Bei einem solchen Thema muss immer auch eine Schwellenangst überwunden werden. Möglicherweise sind Fotos als Medium für einige Jugendliche nicht geeignet.
Weil die Ausstellung ohne die Jugendlichen konzipiert wurde, konnten sie sich mit dem Produkt nie richtig anfreunden. Es wurde nicht zu ihrer Ausstellung, sondern zu einer Ausstellung mit Fotos, die sie gemacht hatten.
Projektarbeit: Dimension „Werte“
Die Zusammenarbeit zwischen den Lehrpersonen und den Jugendarbeitenden wurde im Verlauf des Projektes immer schwieriger. Die Lehrpersonen störten sich an der Unpünktlichkeit der Jugendarbeitenden und an deren lockeren Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Die Jugendarbeitenden empfanden die Lehrpersonen als sehr unflexibel.
Bewertung:
Bei jeder Zusammenarbeit von Personen oder Personengruppen unterschiedlicher Professionen müssen zuerst die Vorstellungen und Werte bezüglich des Projekts und der Jugendarbeit im Allgemeinen geklärt werden. Im vorliegenden Beispiel kam es zu Unstimmigkeiten, weil sich die Strukturen und die Aufgaben der Schule (Tagesstruktur – keine Freiwilligkeit) von derjenigen der Jugendarbeit (Freizeitstruktur - Freiwilligkeit) erheblich unterscheiden. Die zeitlichen Ressourcen der Mitarbeitenden der beiden Systeme waren zudem teilweise sehr verschieden.
Projektarbeit: Dimension „Rahmenbedingungen“
Für das beschriebene Projekt arbeitete die Jugendarbeit der Gemeinde zum ersten Mal in einem Projekt mit der Schule zusammen. Die Akzeptanz der Jugendarbeitenden seitens des Lehrpersonals war gering, was die Integration der Jugendarbeitenden in das System erschwerte. Zudem kannten nicht alle SchülerInnen die Jugendarbeitenden.
Bewertung:
Zu Beginn der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Organisationen ist es wichtig, die jeweiligen Organisationsstrukturen deutlich zu machen sowie Abläufe, Aufgaben und Kompetenzen zu klären.
Weil das Thema „Stress“ sehr persönlich ist, war es für viele Jugendliche schwierig, sich gegenüber unbekannten Personen zu öffnen. Hier hätten die Jugendarbeitenden mehr Zeit für den Aufbau einer Beziehung zu allen SchülerInnen sowie für die Vertrauensbildung gebraucht. Wenn man ein solches Thema innerhalb eines Projektes bearbeiten möchte, ist es wichtig, dass man zuerst bewusst gruppendynamische Schritte macht. So kann eine Vertrautheit zwischen den Professionellen und der Zielgruppe entstehen. Auch eine Offenheit innerhalb der Zielgruppe ist bei einem solchen Thema wichtig.
Abschliessende Bewertung:
Da in allen Dimensionen zu viele Fragestellungen nur ungenügend in die Planung dieses Projektes eingeflossen waren, verlief dieses Projekt nicht wie gewünscht. Obwohl vom Thema her eigentlich ein Projekt der Gesundheitsförderung, erfüllte es wenige Qualitätskriterien zur Gesundheitsförderung in der offenen Jugendarbeit. Die Zielgruppen wurden durch die unklare Definition und Eingrenzung nur ungenügend erreicht.














